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im Gespräch mit
helga funken

Helga Funken lebt im Ort Morschenich, einem Ortsteil der Gemeinde Merzenich, Kreis Kerpen, in dem einmal rund 6.930 Menschen lebten. Aktuell sind nur noch wenige Häuser bewohnt, viele sind bereits in den neuen Ort Morschenich-Neu, oder woandershin, gezogen.
 

Helga Funken | Foto: Marie Schneider

Zusammen mit ihrem Sohn Wulf Aurich stellt Frau Funken ihren Garten Klimaaktivisten zur Verfügung, die diesen von ihr gemietet haben. Zwanzig bis fünfzig Menschen halten sich zeitweise bis dauerhaft auf dem Gartengrundstück auf und schaffen dort einen Raum für Begegnungen, z.B. durch das sonntäg-liche Begegnungscafé oder organisieren als Bildungseinrichtung Workshops. Durch das sogenannte Base-Camp können die im Hambacher Forst und auf den Wiesen lebenden Aktivisten immer wieder mit Material und Kleidung versorgt werden. Das Base-Camp ist eine wichtige, infrastrukturellen Stütze des aktiven Braunkohlewiderstands.

"Sowas wie hier, bekommen wir nie wieder“
-wulf AURICH 

Wulf Aurich, Hintereingang Base-Camp | Foto: Marie Schneider

Überschrift 5
interview mit aktivist joker 

Mein Name ist Joker, ich bin hier seit Beginn der letzten Räumungssession, also seit über vier Monaten, durch-gängig. Ich bin mit der Aktion Unter-holz bei den Versuchen, die Räumung zu verhindern hier hin gekommen und dann direkt hier geblieben.

 

Was hast du vorher gemacht und kommst du aus der Region?

 

Ich bin hier aus NRW und auch schon seit 10 Jahren politisch aktiv. Vorher war ich bei allen möglichen anderen Protesten aktiv gewesen und bin 2015 das erste mal dann hier mit „Ende Gelände“ in die Region gekommen.
 

Wie stehst du allgemein zu dem, was hier passiert, im Bezug auf die Umsiedlungen und Rodun-gen?

 

Das muss alles sofort gestoppt werden. Viele der noch hier lebenden Anwoh-ner würden natürlich verdammt gerne bleiben und von denen kriegen wir auch den meisten Support hier in der Umgebung. Dass der Wald sowieso stehen bleiben sollte, sollte jedem klar sein. Er war einer der letzten großen Mischwälder, die wir in Deutschland hatten.

Zelte im Base-Camp | Foto: Leslie Barabasch 

Wie siehst du in die Zukunft bezüglich des Abriss der Dörfer?

 

Ich glaube, dass wir uns politisch dahin bewegen, dass alles gestoppt wird. Allerdings glaube ich auch dass RWE aber alles tun wird, um vorher Tatsachen zu schaffen und möglichst viel hier abzubaggern, sodass die Dörfer auch nicht mehr bewohnbar sind und der Wald auf jeden Fall weg muss. Das ist meines Erachtens nach das, was RWE vor hat, damit sie halt am Ende noch möglichst viel Profit heraus schlagen können.
 

Wie ist das Leben hier im Dorf?

 

Das ist schwierig zu sagen. Wir haben ja am Sonntag immer ein Begegnungs-café im Workshop-Zelt und laden die ganze Nachbarschaft ein und auch die Leute aus dem Wald und von der Wiese. Wir versuchen damit dass sich die Nachbarschaft hier aus der Ge-gend wieder vernetzen kann, weil wir alle durch RWE sehr gespalten sind. Die Leute, die zuerst verkauft haben, haben mehr Geld bekommen als die, die erst später das bereit waren. Dadurch wurden richtige Keile in die Nachbarschaften getrieben. Das versu-chen wir halt ein bisschen zu kippen, sodass die Leute sich wieder kennenlernen.

Base-Camp, Morschenich| Foto: Leslie Barabasch 

"Wir versuchen damit (Begnungscafé), dass sich die Nachbarschaft hier aus der Gegend wieder vernetzen kann, weil wir alle durch RWE sehr gespalten sind."
-joker

Wohnwagen, Base-Camp, Morschenich | Foto: Lucas Ulmer

Wie wird das Begegnungscafé angenommen?

 

Das ist immer unterschiedlich. Das allererste Mal war es richtig voll. Dann ist es jetzt auch wetterbedingt etwas weniger geworden, aber die Leute nehmen es sehr gut an. Auch Wulf, der Sohn von der Frau, von dem wir das hier gemietet haben, freut sich sehr, seine Nachbarn wieder kennenzu-lernen. Es wird ganz gut angenom-men. 
 

Werden die angrenzenden Gär-ten in Morschenich noch ge-nutzt?

 

Jein. Am Anfang hatten wir hier noch Ziegen als Nachbarn. Der vorherige Besitzer hat sein Grundstück an RWE verkauft und durfte es dann zurück pachten, um seine Ziegen darauf zu lassen.  Inzwischen hat er die aber auch woanders bzw. zu sich geholt. Seitdem ist der Garten komplett leer und die Nachbarn hier nebenan sind auch noch da. Die sieht man im Winter nur sehr wenig. Die kommen auch gut mit uns klar.

Nachbargrundstück des Base-Camps, Morschenich | Foto: Leslie Barabasch

Gibt es Reaktionen von RWE-Mitarbeitern und ehemaligen Be-wohnern von Morschenich?

 

Hier direkt merken wir das weniger, es gibt dann immer mal diese Groß-veranstaltungen, wo RWE und IGBCE versuchen, diese Gegendemonstratio-nen zu machen, da sieht man aber eindeutig, dass es mit Bier und Würstchen und einem freien Tag gekauft ist. 

 

Wie viele Menschen wohnen hier im Camp?

 

Das variiert natürlich stark. Jetzt sind gerade viel auf einer Geburtstagsparty über das Wochenende gewesen, deswegen ist es jetzt extrem leer für unsere Verhältnisse. Aber standard-mäßig sind wir so 15 bis 20 Leute. Manchmal auch 50 Leute, je nachdem ob gerade ein Schwung neuer Leute kommt. 

 

Wie sieht der Camp-Alltag aus?

 

In der Anfangszeit hatten wir es sehr strukturiert. Pro Tag zwei Workshops und zwei Versammlungen. Jetzt nach Silvester haben wir es ein bisschen herunter gefahren, weil auch viele bei ihren Eltern waren und es auch extrem kalt wurde.
Wir haben ein Workshop Programm, das wir vorne im großen Workshop-Zelt abhalten. Da gibt es beispiels-weise Knotenworkshops oder „Wie baue ich mir einen Ofen für die Zeit draußen?“

Ansonsten muss immer jemand spülen, auf der Feuertonne oder auf dem Gasherd muss gekocht werden.

Man ist schon den ganzen Tag mit „einfach nur überleben" beschäftigt und guckt dann halt, dass man dazu noch das Bildungsangebot für alle Besucher schafft - und damit ist der Tag schon fast ziemlich ausgefüllt.

Müsst ihr euch aktiv um Lebens-mittelspenden kümmern? Oder gibt es Menschen, die euch zu-verlässig und regelmäßig versor-gen?

 

Eine Mischung aus beidem würde ich sagen. Es ist ganz normal, dass fast täglich Menschen aus ganz Deutsch-land vorbeikommen, die uns das, was sie gerade haben, spenden (Essen oder Klamotten) aber wir müssen uns auch selbst darum kümmern.

Wir gehen z.B. zu Containern oder fragen die Bauern, ob sie vielleicht noch etwas übrig haben.

Jetzt wo es so extrem kalt ist, gibt es natürlich weniger Menschen, die vorbeikommen und einfach so etwas bringen, dann müssen wir uns halt mehr drum kümmern, etwas zu holen. Aber wir haben auch jeden Don-nerstag die Küfa (Küche für alle).

"Man ist schon den ganzen Tag mit "einfach nur überleben" beschäftigt (...)."
- joker

Nachbargarten des Base-Camps, Morschenich | Foto: Leslie Barabasch

Da kochen wir dann so groß, dass wir alle die aus dem Wald und von der Wiese vorbeikommen, versorgen, ohne Probleme. Wir haben keine Sorgen bezüglich der Verpflegung. Es variiert wieviel Luxus wir bei der Verpflegung haben. Mit den Fahrrä-dern haben wir das so geregelt: Alle Fahrräder, die funktionieren, sind nicht abgeschlossen und jeder kann sie benutzen. Wir haben einzelne Men-schen, die sich darum kümmern, die auch wieder fit zu kriegen und zu reparieren. 
 

Wie sieht es in so einem ein-zelnen Zelt aus?

 

Was auf jeden Fall wichtig ist, ist eine gute Unterlage, weil der Frost kommt von unten. Ich habe inzwischen drei Isomatten und drei Decken unter mir und halt einen guten Winterschlafsack, sowie zwei Decken über mir. Damit sind auch so Temperaturen wie heute Nacht bei minus zehn Grad aushalt-bar. Heute Nacht ist mir die Flasche zum Trinken in der Hand, als ich sie aufmachen wollte, eingefroren. Dick anziehen, drei Jacken, zwei Pullover, viel trinken und viel essen ist wichtig, weil das natürlich auch den

Körper von innen wärmt. Ansonsten viel Bewegung. Wenn es hart auf hart kommt, haben wir in unserem Info-Häuschen den Gasheizer, sodass man sich da wenigstens ein bisschen aufwärmen kann. Das ist der einzige Ort, an dem wir heizen. Sonst haben wir die Feuertonne, wo man sich schön aufwärmen kann. Wir haben auch ein Materialzelt, der vordere Bereich ist ein Freeshop, wo jeder einfach reingehen kann und sich die Klamotten nehmen kann, die er braucht. Dahinter haben wir einen Bereich der ein bisschen sortierter ist, dort befindet sich das Werkzeug und da brauchen wir den Überblick. Wenn hier was gebraucht wird, sollen die Leute kurz Bescheid sagen, dann kriegen sie von uns, was sie brauchen. Das meiste was wir haben, ist für die Menschen im Wald gedacht, damit wir wissen, was wir da haben. Deswegen achten wir ein bisschen darauf. 

Im Wald zu leben ist wahr-scheinlich härter, oder?

 

Es kommt darauf an. So ein Baumhaus kann man sich halt schön isolieren. Vier Wände, ein Ofen, dort ist es wärmer als in so einem Zelt.

Seid ihr dann hier die Haupt-verwaltungsstätte?

 

Nein, wir sind nur eine Zusätzliche. Wir hatten in den letzten zwei Monaten Räumungen der Boden-struktur, dabei sind alle Materiallager und Küchensachen von der Polizei und RWE geklaut worden. Die Leute aus den anderen Camps freuen sich natürlich, dass sie sich hier dann wieder eindecken können.

Wir sind hier nicht von Räumungen bedroht, wir sind eine offizielle angemeldete Veranstaltung und Bildungseinrichtung. Deswegen haben wir hier keine Sorge, dass die hier rein kommen und uns die Sachen klauen - was im Wald und in der Wiese natürlich nicht gegeben ist. Immer wenn angedroht wird, dass eventuell eine Räumung ansteht, wird hier natürlich Zeug eingelagert, das nicht wegkommen soll.