COPYRIGHT © - MARIE SCHNEIDER, LUCAS ULMER, LESLIE BARABASCH 
interview mit einem
Bewohner von manheim

Häuser in Mannheim | Foto: Marie Schneider

Wie erleben Sie als Bewohner von Manheim Ihr altes Dorf und was für einen Eindruck haben Sie davon?

 

Ich kenne die Häuser, aber dieses Dorf ist schon einige Jahre alt, es zerfällt. Jetzt wird sehr beschleunigt abgebrochen, ich hab’ mit irgendjemanden gesprochen, der gesagt hat, dass jetzt noch eine Kolonne kommt, ich kann das nur wiedergeben was ich da gehört habe, wie weit das korrekt ist, weiß ich nicht. Deren Vorgabe ist es wohl, noch in diesem Jahr 250 Häuser platt machen zu müssen. So viel mir bekannt ist, gab es hier 500 oder 550 Häuser, ein Teil ist ja schon weg, das hieße, Ende des Jahres, September, Oktober, steht hier nur noch der ganz alte Ortskern. Ich gehe davon aus, wenn da nichts witterungsmäßig dazwischen käme, dass Mitte 2020 alles weg ist. 

Hat Ihnen RWE schon irgend-ein Angebot gemacht? Gab es Vor-schläge zur Umsiedlung?

 

Nein. Ich habe keine Vorschläge bekom-men. Das liegt aber nicht an RWE, das liegt an mir. RWE ist schon vor Jahren an uns heran getreten, ganz normal und das ist eine faire Sache, die haben nachgefragt, wie alt ich bin, ob wir einen Nachfolger haben, wie wir uns das vorstellen, wie unsere finanzielle eigentumsmäßige Situation ist (wäre aber auch kein Problem für die, es so festzustellen).  

Haus in Manheim | Foto: Lucas Ulmer

Wir haben mit denen geredet, wir haben eine grobe Vorstellung gehabt, in die Richtung unserer dritten Tochter zu ziehen, in Richtung Norddeutschland, was aber noch gar nicht konkret ist, da dies noch in der Schwebe liegt. Es hat an uns gelegen, für ein Angebot von RWE muss eine Bestandsaufnahme erfolgen. Das heißt, ein Architekt guckt, macht, schreibt. Dann nimmt der alles auf. Dann müsste ein Sachverständiger beauftragt werden, der dann den Wert dieses Objektes begutachtet und dann hätten wir eine Zahl, über die man nachdenken kann. Dann könnte man auch unabhängig von der letzten Einigung ausloten, was man machen kann. Das ist also nicht meine Schuld, ich nehme es mal nicht als meine Schuld an, aber es liegt an mir, dass es noch kein konkretes Angebot gibt, was wollen die auch anbieten? 

Es muss eine Grundlage für ein Angebot da sein. Die Fläche, die wir besitzen, ist so und so viel wert, aber RWE will immer das ganze Paket verhandeln. Warum, kann ich nicht sagen. Angenommen der Fall, wir würden in den Norden ziehen. Man zieht nicht einfach um, das ist ein Prozess von anderthalb Jahren, ich kann nicht hier alles einpacken. Oben muss ich wieder neu anfangen.

Insofern lag es an mir, ich hätte ein Angebot haben können, ich will noch keins. Ich habe mich damit nicht festgelegt, ich wollte mich frei bewegen können.  es

Ehemaliges Schulgelände in Manheim | Foto: Lucas Ulmer

Haus in Manheim | Foto: Lucas Ulmer

Wenn RWE Ihnen ein Top-Angebot für den Umzug nach Manheim-Neu machen würde, würden Sie dann auch eine Umsiedlung in Erwä-gung ziehen?

 

Es gibt kein Top-Angebot. Ein Baugrund-stück haben wir vorgemerkt, ich kann jetzt kein anderes Baugrundstück bekom-men. Die haben keins mehr, die sind jetzt vergeben, ich war sehr spät.

Ich kann das bewertete Baugrundstück, die Größe des Baugrundstückes wie-derhaben, 1:1 und ohne Grunderwerbs-steuer, das machen die. Ich kann das etwas vergrößern, dann muss ich zu-kaufen, aber in der jetzigen Situation habe ich nur das eine Grundstück, was wir uns vormerken haben lassen. 
Ein Top-Angebot im weiteren Sinne könnte es theoretisch geben, warum auch immer, ich würde die Gebäude oder alles was hier zur Disposition steht, bewerten lassen und ich wäre erstaunt, boah, damit kann ich leben, oder es lag über dem, dann würde ich das für mich persönlich als Top-Angebot betrachten und sagen, ok, das können wir machen, das hat aber dann nichts mit einem Top-Angebot in Neu-Manheim zu tun.

Es gibt keine Top-Angebote, es gibt allenfalls im Frühstadium attraktive Grund-stücke, im Außenbereich, hinten, Südla-ge. Ob ich das Grundstück dann bekommen hätte, ist eine andere Frage, denn es hat viele Leute gegeben, die die Top-Grundstücke haben wollten, jedoch konnte nur einer darauf. Also es gibt im Grunde genommen kein Top-Angebot. Es gibt das Grundstück, entweder will ich das

das und kann mir das vorstellen, oder nicht. Das wird 1:1 umgerechnet, das ist eine feste Sache gewesen. 

Fühlen Sie sich von RWE unter Druck gesetzt?

 

In welcher Hinsicht? Umzuziehen oder was? Könnte ich so nicht sagen. RWE hat ein Interesse, ja, ich muss jetzt sagen, soweit ich das beurteilen kann, die Sache hier zügig zu Ende zu führen. 

In Manheim sind die Menschen ja ziemlich schnell weggezogen, nach Manheim-Neu oder in eine andere Gegend. Hat Sie das unter Druck gesetzt, dass die Menschen um Sie herum so schnell gegangen sind? 

 

Nein hat mich nicht. Aber das ist zum Teil Mentalitätssache. Das muss jeder Bewohner von Manheim für sich selbst entscheiden, ob ihn das psychisch belas-tet.

Es wird nicht mehr überall gekehrt, sie sehen an Häusern den Bewuchs, der dreißig/vierzig Zentimeter hoch ist, da müssen sie sich erstmal dran gewöhnen.

Ich betone, dass dieser Ort von RWE, oder der Stadt, nicht verwahrlost worden ist, oder dass die das nicht bewusst haben verwahrlosen lassen. Eine andere Sache ist die Landwirtschaft. Die Land-wirte sind immer die letzten, weil eine Umsiedlung von Landwirten erheblich komplizierter ist, die Verhandlungen viel länger, ja viel komplizierter sind und so-mit sind sie immer die letzten.  haben

Unter Druck gesetzt habe ich mich nicht gefühlt, wie gesagt, das ist eine Menta-litätsfrage. Ein Dorf verfällt langsam, das fällt den hier Wohnenden dann selbst gar nicht so auf. Das liegt einfach daran, dass die das ja jeden Tag sehen. Das sind im Grunde genommen schleichende Vorgän-ge, wenn sie Verwandte/Bekannte haben, die nur alle drei Monate kommen, bekom-men die einen leichten Schock, sagen wie sieht es denn hier aus.
Ja, wie soll es hier aussehen? Wie immer. Die sehen Veränderungen sofort, für die sind das sprunghafte Veränderungen, für den Hiesigen sind das schleichende Verän-derungen, die merken das nicht so. Man muss psychisch da drüber stehen, sonst kann es an die Gesundheit gehen. 

Man hört ja auch gar keine mensch-lichen Geräusche mehr, ein paar Bagger vielleicht. Aber man hört ja keine Nachbarn oder Menschen. Wie gehen Sie damit um?

 

Ich kann mich hier raus auf die Straße stellen und Sie hören auf einmal nachts nichts mehr, nichts! Wir haben hier West-lage, je nach Windlage hören Sie hier die Autobahn, das Rauschen. Die Autobahn ist mittlerweile noch fast näher dran, jeden-falls hier im Bereich, Sie hören die aber fast nie. Von Morschenich aus hört Buir mehr davon. Am Wochenende, wenn hier keine Abbrucharbeiten sind, hört man hier Vögel, Sie werden verrückt, nein, Sie werden nicht verrückt, das ist wunderbar! Man könnte das so sehen, dass man Panik bekommt. Es ist nichts mehr los.

Einfahrt in Manheim | Foto: Lucas Ulmer

Einfahrt in Manheim | Foto: Lucas Ulmer

Welche persönlichen Erinnerungen hängen an Ihrem Haus?

 

Ist schwer zu sagen. Dass zu beschreiben, das ist schwierig. Ich tu’ mich im Grunde genommen eigentlich nicht ganz schwer mit Gefühlen. Ich hab’ kein Problem über Gefühle zu reden. Unsere Kinder sind hier aufgewachsen. Wir sind außerhalb von Manheim zur Schule gegangen. Sie haben daher keinen intensiven Bezug zu Manheim, weil sie schon in der Schule woanders waren. Der einzige Bezug von den Kindern ist der Kindergarten nebenan. Sonst nichts. Die haben auch keinen großen emotionalen Bezug hier zu dem Ort. Für die geht gefühlsmäßig überhaupt nichts unter. 

Für mich schon. Es ist dieses Gefühl, wenn es wegkäme, nie mehr zurück kommen zu können. Ich könnte das hier ja auch verkaufen. Ich könnte, theoretisch, vor 30 Jahren, ausgewandert sein. Und ich könnte 20 Jahre später an diesen Ort zu-rück gekommen sein und hätte mich dann gewundert: Eine neue Umgehungsstraße? Ein neues Baugebiet? Ah aber da, so sah es aus, da ist es noch, unser altes Haus und die Kirche.

Wenn es alles so läuft wie geplant, kann ich nie mehr zurück kommen, hier ist nichts, hier ist ein Loch. Irgendwo gefühlt, ge-schätzt, 800, 900 Meter in dem Wasser-loch. Das ist irre, das kann keiner beschreiben.

Das andere ist, ich könnte hier alt werden. Wenn ich weg gehe, kostet mich das jede Menge Geld und ich muss irgendwo wohnen, wo ich mich nicht mehr wohl fühle.

Ich hab keinen Drang und Bezug zu einem Neubaugebiet wie Neu-Manheim. Ich will nicht verhehlen, schön ist Geschmacksache und auch ich finde viele Häuser in Manheim-Neu schön, wie die zueinander stehen ist nicht mehr schön. Dieser Zusammenhalt ist nicht mehr da, obwohl viele Manheimer das schon so sehen. Es gibt Alt-Manheimer, die neben-einander wohnen, konnten sie sich ja wünschen, aber jeder hat andere finan-zielle Voraussetzungen und in der ersten Zeit ist alles Friede, Freude, Eierkuchen, aber es ist nichts. Dieses neue Dorf ist eine Sattelitenwohnstadt, mehr ist das nicht. Ich hab vor ein zwei Jahren sarkas-tisch mal gesagt: Das einzige was hier ist, sind zwei drei Frittenbuden und ein paar Zigarettenkästen, die werden auch blei-ben, aber die Frittenbuden verschwinden. Da ist nichts. Das ist eine Wohngegend. Die Ver-eine sind mit rüber gegangen, die waren schon hier sehr angeschlagen. Ich hab im Internet gesehen, der Maibaum steht jetzt im Industriegebiet, das kann doch wohl nicht sein. 

Hat RWE irgendwas infrastruk-turelles getan, damit eine neue Gemeinschaft entstehen kann (Kneipe, Bäckerei, Gemeinschafts-haus)?

 

Ich glaube nicht, dass RWE so etwas kann. Ich glaube auch nicht, dass es ein Versäumnis von RWE ist, es ist einfach nicht

Haus in Manheim | Foto: Marie Schneider

nicht möglich. Das liegt nicht im Ermessensbereich von RWE, das ist nicht mit Geld zu schaffen. Das geht nicht. RWE kann niemanden verpflichten, eine Gastwirtschaft aufzumachen. Das ist eine wirtschaftliche Sache. 
 

Hätten sie nicht einen Anreiz schaffen können, der ein bisschen Heimatgefühl wiederbringt? 

 

Es gibt ein Gemeindezentrum, ja. Es gibt es bestimmt, in einem gewissen Umfang, dass die Vereine etwas unterstützt werden. Aber wie soll man das machen? Statistisch wurde gezählt, dass bei Umsiedlungen des Tagebaus 70-80 % mit umziehen. Aber keiner muss mit umziehen. Ich gehe davon aus, meine persönliche Meinung, dass es für RWE am einfachsten ist, wenn jemand seine Entschädigung nimmt und irgendwo hinzieht. Das ist für RWE am einfachsten zu handhaben. Natürlich ist RWE andererseits auch interessiert, dass ein Teil mitzieht, weil sich sonst die Erschließung des neuen Ortes nicht lohnt.

Je größer der Ort ist, desto billiger wird es pro Meter Kanal und Straße. Man kann RWE in dieser Hinsicht nichts diktieren. Die Menschen wurden in Neu-Manheim neu gemischt. Dass Nachbarschaften zu-sammen bleiben können, wurde ange-boten und wurde auch angenommen, das kann man nicht RWE anlasten, wenn das

Ehemaliges Schulgelände in Manheim | Foto: Lucas Ulmer

Manheim | Foto: Lucas Ulmer

das nicht der Fall ist. Auch wenn vier Familien im neuen Dorf wieder neben-einander wohnen, es bleibt trotzdem ge-mischt. Menschen werden anders. Das ist eine soziologische Frage. Wenn alles normal liefe, können sie sich vorstellen, was sie wollen, in drei Jahren müsste man aber sowieso hier weg. Da können sie sich auf den Kopf stellen. Man muss weg, jeder. Und dann werden sie rausgetragen wenn sie nicht wollen. Der letzte Käufer ist immer RWE. Ich komm’ an dem Käufer nicht vorbei.
 

Was passiert mit der Kirche hier in Manheim?

 

Es bleibt kein Immerather Dom stehen, ei-ne Manheimer Kirche schon gar nicht. Die wird platt gemacht. Und ich vermute mal, die wird sogar platt gemacht, obwohl man hier gar nicht abgebaggert wird.
Ich mache der Kölner Kirche da keinen Vorwurf. Es werden diese Gotteshäuser aber einfach nicht mehr gebraucht. Ich gehe davon aus, dass die abgerissen wird, weil die keiner übernehmen will, es blieben ja Unterhaltungskosten über. 

Köln sagt, sie wollen das nicht bezahlen - oder man findet da Interessenten für, Investoren, die machen da ein Museum raus oder eine Diskothek, die wird irgendwann sowieso entweiht und dann ist das so. 

Für mich ist das äußerst gewöhnungs-bedürftig, wenn ich hier mal sehe oder lese, dass sie etwas anderes aus einer Kirche gemacht haben.

Naja, aber ansonsten ist die platt. Das spielt da alles mit rein. 

Kirche, Manheim | Foto: Lucas Ulmer

"Menschen werden anders. Das ist eine soziologische Frage."
-Manheim Bewohner 

Teilweise leerstehende Wohnhäuser in Manheim | Foto: Leslie Barabasch 

im interview mit Erhard georg

Mein Name ist Erhard Georg, ich bin 65 Jahre alt und wohne in Buir, was ein Nachbarort von diesem Dorf, Manheim ist, in dem wir uns gerade befinden. Buir selbst ist von der Umsiedlung nicht betroffen, es wird eine Tagebau Rand-gemeinde sein. Die beiden Nachbarorte von Buir, Morschenich und Manheim, sind beide Umsiedlungsdörfer und sollen, wenn es nach RWE, dem Tagebau-betreiber geht, auch in Anspruch genom-men werden. 
Das kann und wird, hoffentlich durch die Entscheidung der Bundesregierung, vorzei-tig aus der Braunkohlenverstromung auszu-steigen, verhindert werden. Wir müssten dann mit dem Loch, wie es dann jetzt da ist, leben und wir sind gespannt, was dann aus dem aufgelassenen Loch und aus dem Tagebau im Vorfeld werden wird. 


Was ist deine Motivation, sich für den Hambacher Forst und den Erhalt der Dörfer einzusetzen? 

 

Ganz klar: Die Motivation ist die Brau-nkohlenverstromung zu beenden, um die weitere  Klimaaufheizung zu verhin-dern. Denn die Aufheizung des Klimas bedroht unseren Lebensraum, den Lebens-raum unserer Kinder und Kindeskinder und das muss gestoppt werden.  Das geht am e

ehesten dadurch, dass auf die Braunkoh-lenverstromung verzichtet wird. Die Braun-kohlenverstromung ist in meinen Augen überhaupt nicht notwendig, um den Energiebedarf Deutschlands sicherzustel-len. Fakt ist, dass diese früher einmal ho-heitliche Funktion hatte, und so auch RWE, nämlich die Industrie und die Wohnbevölkerung mit Strom zu versorgen.
Heute hat RWE diese Funktion verloren, indem eben der Strom, der hier produziert wird, ins Ausland verkauft wird. Ich kann nicht einsehen, dass unser Wald, unsere Dörfer und unsere Lebensqualität dafür geopfert wird, dass ein Konzern Umsatz macht und Milliarden verdient, indem Strom ins Ausland verkauft wird. 

Seit wann und in welcher Form engagierst du dich?

 

Ich engagiere mich seit etwa acht Jahren. Ich bin Mitglied in der Bürgerinitiative Buirer für Buir, die sich für die Buirer Le-bensqualität einsetzt. Das wurde dann zwangsläufig zu einem „Gegen-RWE“ und gegen den Braunkohleabbau. Die Initiative ist ursprünglich nicht gegründet worden, um gegen RWE und gegen Braunkohle zu sein, sondern sie ist ge-gründet worden, um gegen die Verlegung der Autobahn, die im Zuge des Braun-kohlentagebaus stattfand, vorzugehen.

Erhard Georg in Manheim 

Spielplatz in Manheim | Foto: Lucas Ulmer

Es wurde dann zwangsläufig irgendwann auch so, dass man gegen RWE und gegen den Tagebau sein musste. Da engagiere ich mich. Das beginnt damit, dass ich Leserbriefe schreibe oder im Kölner Stadtanzeiger mit braunkohlen-kritischen Leserbriefen Position beziehe. Wir organisieren Demonstrationen, haben ein Konzept entwickelt, „Rote Linie“, d.h. den Braunkohlentagebau an der alten A4 Trasse zu beenden. Ein Mitglied von uns ist in der Kohlekomission, sie wird von uns maßgeblich unterstützt. Wir entwickeln Konzepte zum Strukturwandel und die Initiative hat eine andere Initiative mitbe-gründet, die sich Friedensplan nennt. Dort ging es darum, dass Institutionen aus dem bürgerlichen Spektrum (also Kirchen, Or-ganisationen, Parteien, Einzelpersonen) mit RWE ins Gespräch kommen wollten, um den sozialen Frieden hier in der Region zu bewahren, weil dieser sehr stark gefährdet ist. Wir haben eine Dees-kalationsgruppe ins Leben gerufen, in der RWE, die Polizei, die Bewohner aus dem Wald und wir von der Bürgerinitiative uns regelmäßig zusammensetzen. Bei Gesprä-chen sind aus jeder Gruppe zwei Perso-nen dabei, es werden vertrauens-bildende Maßnahmen besprochen und die Polizei gibt bereits im Vorfeld Informationen und sagt „Ihr könnt verhindern, dass wir wie-der den Wald betreten, wenn ihr euch nach bestimmten Richtlinien verhaltet.“ Al-so Deeskaltationsgruppen nennen wir das, in denen durch Gespräche, im Vorfeld schon, gewalttätige Aktionen vermieden werden.

Klappt die Zusammenarbeit gut und tragen die Gespräche zur Deeskalation bei? 

 

Jein. Nein, es klappt eigentlich nicht. Es ist eine Alibi-Aufgabe, denn die Polizei kommt sowieso in den Wald. Ich muss auch sagen, die Mitglieder in der Dees-kalationsgruppe, sind vom Polizeiprä-sidium in Aachen. Aber die Einsatzbefehle zur Räumung des Waldes, die kommen aus dem Innenministerium Düsseldorf, da wird der Polizeipräsident in Aachen gar nicht mehr zu angehört, deshalb hat er auch keinen Einfluss darauf. Also wenn auch die zwei Kontaktbeamten aus dem Polizeipräsidium Aachen sagen: So und so und so, das und das und das… das kommt in Düsseldorf nicht an und das interessiert in Düsseldorf auch nieman-den. Diese Deeskalationsgruppe hat den Vor-teil, dass man eine persönliche Basis bildet und das man Menschen kennt. Aber wirklich vermeiden oder verhindern tut das meiner Ansicht nach nichts.

Dennoch ist es etwas Konstruktives und für uns ist es wichtig, nicht immer nur gegen et-was zu sein, sondern auch etwas positives zu leisten und deshalb machen wir auch Konzepte für den Strukturwandel und haben die „Rote Linie“. Wir haben auch ein Konzept erstellt, dass sich mit dem Raum, der nach der Beendigung des Ta-gebaus zur Verfügung steht, in Form von Nutzungskonzepten, beschäftigt. Wir wol-len Künstlerdörfer, Lehr- und Lernorte und Naturschulen dort errichten, also es ist schon so, dass wir auch durchaus kons-truktiv für etwas sind. Aber es ist schwer. Hier im Revier ist es schwer. Wir ha

werden im Ort angefeindet. Es werden nachts Plakate aufgehängt mit Schmähtex-ten gegen uns und unsere Mitglieder. Von Mitbürgern die pro Braunkohle und pro RWE sind. Der Vorsitzende unserer Bürgerinitiative wird nachts mit Mord-drohungen am Telefon belästigt. Ein IGBCE (Industriege-werkschaft Bergbau, Chemie, Energie) Mob ist zum Wohnhaus unserer Freundin Antje Grothus gezogen und hat ihr Haus belagert, unter Anwesenheit der Polizei. Die Polizei hat da mitgewirkt und es ist nicht erlaubt. Dummerweise, Bernd Höcke von der AfD, der hat ein Gerichtsurteil erwirkt, nach dem es verboten ist, Privathäuser zu belagern.

Man darf im Zuge einer Demonstration an einem Privat-haus vorbeigehen, man darf aber nicht vor diesem Haus stehen bleiben und es belagern und genau das ist bei Antje Grothus passiert. 

Die Polizei war dabei. Die hätten eigent-lich wissen müssen, dass sie dort nicht stehen bleiben dürfen. Die haben dann krakeelt und gegen die Fensterscheiben und gegen die Tür geklopft und gepfiffen und getrillert und gebuht „Antje Grothus raus aus dem Dorf“, das sind ganz schlimme Sachen, die hier passieren. 

Unser Ministerpräsident, der ja oft auch schon mal als Landesvater bezeichnet wird, ist in meinen Augen ein Landes-väterchen, weil er auch noch an dieser Spaltung mit teilnimmt.

Indem er sie unterstützt und fördert, in dem er sagt: Ja ihr, gut, dass ihr hier seid, ihr Kohle-kumpel, ich verstehe, dass ihr Angst um eure Arbeitsplätze habt und ich werde etwas für euch tun.

Und die anderen, das sind alles nur Chaoten und Krawallmacher und Baum-besetzer. Aber das bin auch ich und ich bin kein Betroffener zweiter Klasse, man hat auch meine Intro ein bisschen ernst zunehmen und nicht irgendwo in eine Krawall- und Chaoten-Ecke zu stellen - und das hat Laschet gemacht. 

Wie blickst du in die Zukunft, was erhoffst du dir? Was siehst du für eine Entwicklung? 

 

Das wechselt je nach Nachrichtenlage. Also insgesamt bin ich eher skeptisch. Die Klimaziele werden nicht mehr erreicht werden, da kann die Bundesregierung sich anstellen wie sie will. Die Bundes-kanzlerin tut nichts, bzw. hat nichts getan. Jetzt am Dienstag hat es ja ein Kohle-Gespräch mit den Landes-Ministerprä-sidenten der Kohle-Länder gegeben, natürlich hoffe ich, dass die Kohleko-mission eine Empfehlung ausspricht, ir-gendwann Mitte 2024 auszusteigen.

Dann bleibt aber immer noch eine Frage: Nimmt die Bundesregierung die Empfeh-lung der Kohlekomission ernst? Die Kohlekomission kann ja empfehlen, was sie will, umsetzen muss es dann die Bundesregierung. Natürlich hoffe ich, dass die Merkel, bevor sie jetzt in den Ruhestand geht, noch mal den Mut findet, zu sagen, okay, wir hören jetzt 2022 auf und wir nehmen eine Menge Geld in die Hand und dann wollen wir das mit der Braunkohle mal ad acta legen - das hoffe ich. Aber ich bleibe nach wie vor skeptisch. Was ich auch nicht glaube, ist, dass der Hambacher Wald zu retten ist, skeptisch. 

auch wenn er jetzt nicht dem Braun-kohleabbau direkt zum Opfer fallen wird. Aber ich glaube er ist inzwischen schon so geschädigt, dass er sich selbst zu Grabe trägt.

Also das Ökosystem wird meiner Ansicht nach nicht überleben. Er wird über kurz oder lang kaputt gehen. Der Wald kommt ja gar nicht zur Ruhe. Diese Waldspa-ziergänge haben natürlich eine ganz große Bedeutung, wenn dort 2000 Leute durch spazieren - um diesen Wald ins Bewusstsein zu holen.

Aber das schadet dem Ökosystem, da gibt’s überhaupt kein Vertun. Klar, die Leute wollen etwas tun. Aber was machen sie? Sie bauen Barrikaden. Die Barrika-den bauen im wesentlichen nicht die Bewohner der Baumhäuser, sondern die Barrikaden werden von den Leuten, die an den Waldspaziergängen teilnehmen errichtet. 

Das ist schon kontraproduktiv wenn Tod-holz aus dem Wald entfernt wird, denn ein Wald ohne Todholz kann auf Dauer nicht existieren. Dieses Barrikadenbauen zieht dann wieder Polizei nach sich, die räumen die Barrikaden und kommen dafür dann mit schweren Geräten in den Wald. Man müsste den Wald wirklich mal in Ruhe lassen, wobei man natürlich dann auch Angst haben muss.
Wenn der Wald in Ruhe gelassen wird, nicht geschützt, beobachtet und bewohnt wird, ob da nicht tatsächlich RWE still und leise wieder Fledermaushöhlen zuklebt, usw. Also das ist eine ganz schwierige Geschichte. 

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Es wurden Fledermaushöhlen zuge-klebt?

 

Ja, von RWE-Biologen, studierte Biologen kleben die Fledermaushöhlen zu, damit diese nicht wieder einziehen. Es wurde natürlich behauptet dass vorher mit Endos-kopen in die Höhlen hineingeschaut. Da-bei soll festgestellt worden sein dass sie nicht belebt sind und dann haben sie die Höhlen zugeklebt. 

RWE will ja, dass die Fledermäuse aus dem Wald in einen anderen Wald um-ziehen und deshalb verkleben sie dort die Nisthöhlen, damit die Fledermäuse sich ein anderes Habitat suchen. Tatsache ist aber, es sind Höhlen von den Baumbe-wohnern geöffnet worden und dort wur-den Fledermausskelette drinnen gefunden, in den Höhlen.

Also soviel zur Glaubwürdigkeit und zur endoskopischen Kontrolle, ob die Höhlen tatsächlich unbewohnt waren. Sie waren bewohnt und wurden zugeklebt!

Wie kann so etwas passieren?

 

Das alles passiert mit Billigung der Aufsichtsbehörden/Bergbehörden. Das ist ja das Schlimme, das einen hier auch so auf die Palme bringt! Das führt auch dazu, warum ich mich hier engagiere. Ich könnte kotzen über diese enge Verflech-tung von RWE und den Regierungsstellen. Also die Bergbehörde von ganz NRW ist das Regierungspräsidium in Arnsberg. Dort wird einfach das gemacht, was RWE nützt. RWE sagt: Genehmigt uns mal das und das und jetzt wollen wir dies machen und dafür brauchen wir noch eine Genehm

Haus in Manheim | Foto: Marie Schneider

Genehmigung. Dann setzen sich die Be-amten hin und schreiben eine Geneh-migung. Diese Beamten sehen ihren Auftrag nicht als eine echte Kontrolle mit der Berücksichtigung, was den Bürgern nützt. Dann müsste man auch RWE nämlich mal sagen: Nein, das geneh-migen wir nicht. Sondern das Selbstver-ständnis der Beamten in der Bergbehörde ist wie folgt: RWE braucht etwas - und wir geben es ihnen. Die winken nur noch durch. Es ist auch durch gewunken wor-den, diese Fledermaushöhlen zu verkle-ben, mit Billigung der Bergbehörde. Ein weiteres Beispiel: Antje Grothus ist Mitglied der Kohlekomission und hat eine Akteneinsicht bei der Bergbehörde beantragt, in der sie wissen wollte, wo RWE Bohrungen plant, um Pumpstationen zu errichten. Es gibt ja das Informations-freiheitsgesetz, das besagt, dass einem diese Informationen zustehen. Darauf hat das Bergamt gesagt: Ja, sie können vorbeikommen und sich die Akten bei uns anschauen. Und eine Woche später haben sie gesagt: Nein doch nicht, das haben sie tatsächlich zugegeben und da muss man mal gucken, wie dämlich die auch sind, sie haben ja kein Unrecht-bewusstsein. Da haben sie gesagt: Nein, sie hätten mit RWE Rücksprache genom-men, RWE würde das gerne geheim halten und deshalb würde Antje diese Akteneinsicht nicht bekommen. Antje musste dann vor Gericht gehen und sich das Recht erstreiten, um diese Akten-einsicht zu bekommen. Diese bestand dann natürlich überwiegend aus ge-schwärzten Aktenblättern.Für mich ist ein Beamter eigentlich ein Dienstleister für den  b

Haus in Manheim | Foto: Marie Schneider

Bürger, der ihn bezahlt. Aber diese Behörden, genau so wie unsere Natur-schutzbehörde, verstehen sich als Dienst-leister für RWE. Sie agieren überhaupt nicht im Sinne der Menschen, die hier wohnen.

Das beschreibt diese Verflechtung von Politik und RWE. Fast jeder Bürgermeister oder Fraktionsvorsitzende, jeder der hier ein politisches „Mandatchen“ oder ein „Ämtchen" hat, wird gleichzeitig von RWE in irgendeiner Payroll aufgeführt und bezahlt. 

"Es ist dieses Gefühl, wenn es wegkäme, nie mehr zurück kommen zu können."
-Bewohner von Manheim

Haus in Manheim | Foto: Marie Schneider